In seiner Jugend war er ein Büchermuffel

Klasse!-Reporter aus Neumagen-Dhron interviewen den Morbacher Kinderbuchautor Stefan Gemmel

Neumagen-Dhron.
Am 14.01.16 besuchte der berühmte Kinder- und Jugendbuchautor Stefan Gemmel die Friedrich-Spee-Realschule Plus in Neumagen-Dhron und bot den sechsten Klassen ein spannendes Leseevent. Zwei lange Stunden stellte der Autor den Schülerinnen und Schüler sein Erfolgsbuch „Schattengreifer“ vor, erzählte aus seinem Leben und beantwortete die vielen Fragen der jungen Schüler. Im Anschluss nahm er sich die Zeit auch einigen Schülern der 8a, die als „Klasse!“-Reporter dabei waren, Rede und Antwort zu stehen:

FSR Stefan Gemmel 02 (Medium)

War es schon immer ihr Traum Bücher zu schreiben? Wann fingen Sie damit an?
Das war als Kind nicht etwa mein Traumberuf, wie viele Leute meinen. Im Gegenteil, aus Büchern hatte ich mir als Kind nie viel gemacht. Ich hatte kaum gelesen.
Das hat sich erst geändert, als ich ins 7. Schuljahr kam und wir eine neue Deutschlehrerin bekamen: Frau Stadtfeld. Sie hatte wohl erkannt, dass ich gut mit Sprache umgehen konnte und sie hatte mir immer Bücher mitgebracht, die ich erst zögernd, dann allerdings mit wachsender Begeisterung las. Schließlich las ich immer mehr. Alles, was Seiten hatte und mir in die Finger fiel, wurde durchgelesen.
Irgendwann fragte ich mich, ob ich das wohl auch könnte, solche Geschichten zu schreiben und ich probierte es einfach aus. Ich schrieb nachts heimlich Geschichten. Geschichten, die ich dann verschenkte. An Freunde, die Geburtstag hatten oder denen ich sonst eine Freude bereiten wollte. Diesen Freunden gefiel, was ich so schrieb und sie rieten mir immer wieder, meine Geschichten doch mal an Verlage zu schicken. Erst traute ich mich nicht, doch als ich dann eine Geschichte geschrieben hatte, die mir selbst sehr gut gefallen hat, da nahm ich all meinen Mut zusammen und stellte mich damit einem Verlag vor.
Dieser Verlag (Butzon & Bercker) hatte die Geschichte dann auch sofort genommen und veröffentlicht: „Der Rabe in der Arche“.

Wann entschieden Sie sich dann für den Beruf des Autors? Wie hat Ihre Karriere angefangen?
Im Jahr 2001 musste ich mich entscheiden zwischen meinem damaligen regulären Beruf (Heilerziehungspfleger) und der Tätigkeit als Schriftsteller. Denn beides gleichzeitig zu betreiben, das war inzwischen nicht mehr möglich. In dem Wohnheim für behinderte Erwachsene, in dem ich angestellt war, führte ich – neben der regulären Arbeit auf der Station – noch eine Theatergruppe mit unseren Bewohnern, wobei ich von der ersten Idee bis zur Aufführung für alles zuständig war. Und gleichzeitig wurde ich immer öfter zu Lesungen eingeladen und Verlage warteten auf meine neuen Bücher.
Ich musste mich also entscheiden. Ich hab´s mir nicht leicht gemacht, vor allem, weil ich sehr an meiner Theatergruppe hing. Aber letztendlich bekam doch die „Schreiberei“ den Vorrang.

Wie hieß ihr erstes Buch? Inzwischen haben Sie erfolgreich viele sehr unterschiedliche Bücher herausgebracht. Welches Ihrer Bücher ist Ihr persönlicher Favorit?
Mein erstes Buch hieß „Der Rabe in der Arche“ und erschien 1993. Dieser Titel ist schon sehr lange vergriffen.
Von meinen Büchern sind mir „Schattengreifer“ und „Im Zeichen der Zauberkugel“ die liebsten. Einfach, weil ich die Arbeit daran jeweils sehr genossen habe.

Sie haben zwei Töchter. Haben Sie auch schon Bücher für ihre Töchter geschrieben bzw. über ihre Töchter geschrieben?
Also, meine beiden Töchter Hannah und Franziska tauchen nie als direkte Figuren in meinen Büchern auf. Aber sie waren mir doch schon einige Male Inspiration und auch Hilfe. Die Ideen zu einigen meiner Bücher kam durch die beiden Mädchen und viele Titel sind auch den beiden gewidmet.

Was motiviert Sie weitere Aktionen wie z.B. den Leseweltrekord durchzuführen?
Diese originellen Aktionen bewirken tatsächlich sehr viel, wie ich aus unzähligen Rückmeldungen durch Kinder und Eltern immer wieder erfahre. Das ist es, was mich dabei anspornt. Viele Kinder werden von diesen Veranstaltungen entweder in ihrer Leselust bestätigt oder aber denken über ihre Lese-Unlust einmal nach. Dadurch, dass diese Lesungen immer wieder Überraschungen bieten, bekommen Lesemuffel einen völlig neuen Zugang zur Literatur und ja – sie bleiben dann manchmal beim Thema Buch. Und zu wissen, dass man das erreicht hat, das ist schon superschön!!

Solche Aktionen brauchen viel Einsatz und Zeit. Was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie so oft unterwegs sind?
Ich bin zwar viel unterwegs, doch andererseits gibt es auch Phasen im Jahr, an denen ich sehr lange zu Hause bin. In den Sommerferien beispielsweise nehme ich keinerlei Anfragen an. Diese Wochen gehören allein der Familie. Im Januar und im September habe ich „Schreibzeit“, das heißt, dass ich auch in diesen beiden Monaten nicht unterwegs bin. Morgens, wenn meine Frau (die Lehrerin ist) und meine beiden Töchter in der Schule sind, sitze ich am PC und schreibe neue Bücher. Doch nachmittags haben wir Zeit füreinander.

Bleibt Ihnen überhaupt noch genügend Zeit zum Schreiben neuer Bücher?
Wie gesagt: Für die großen Projekte halte ich mir den Januar und den September frei. Kleinere Projekte entstehen auch schon mal während Lesereisen in Hotels.

Wie kann man sich das vorstellen? Setzen Sie sich an Ihren Schreibtisch und schreiben eine neue Geschichte einfach runter, weil die Ideen nur so herausströmen? Wie entwickeln Sie eine Idee?
Die Figuren und die grobe Handlung – also tatsächlich nur etwa das erste Drittel einer längeren Geschichte, entwickle ich überall. Vorwiegend, wenn ich laufe, aber auch bei langen Autofahrten, langweiligen Hotelaufenthalten oder mitten am Tag durch eine Sache / eine Begebenheit, die meine Aufmerksamkeit erregt.
Das eigentliche Schreiben jedoch geschieht in meinem Arbeitszimmer. Diesen Raum habe ich so eingerichtet, dass ich mich dort richtig wohl fühle. Dort entstehen die eigentlichen Texte.
Ich schreibe dabei am PC. Da bin ich schneller und kann in einer Schrift schreiben, die auch andere Leute lesen können (was bei meiner Handschrift leider überhaupt nicht der Fall ist). Außerdem ist natürlich die Überarbeitung des Textes am PC sehr einfach.

Sind Sie gerade dabei ein neues Buch zu schreiben? Wenn ja, können Sie uns schon etwas darüber verraten?
Im Moment sitze ich an einem besonderen Jugendbuch. Besonders deshalb, weil dieser Band über ein Jahr Vorbereitung brauchte.
Ich habe nämlich mit straffällig gewordenen Jugendlichen an einem Anti-Gewalt-Training teilgenommen. Diese Jugendlichen haben schon mehrfach mit der Polizei und mit Gerichten zu tun gehabt, weil sie das Gesetz vielfach übertreten haben. In den meisten Fällen geht es um Körperverletzung und Raub. Statt aber in irgendein Gefängnis gesperrt zu werden, gibt man diesen Jugendlichen eine Chance, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Die Strafen werden auf Bewährung ausgesetzt, die Jugendlichen bekommen einiges an Sozialstunden aufgebrummt und eben die Teilnahme an einem solchen AGT.
In vielen, vielen Selbsterfahrungsübungen und an einem Team-Trainingswochenende haben die Jugendlichen einiges über sich erfahren. Und auch über die Hintergründe warum sie manchmal zuschlagen oder Einbrüche begehen.
Das war eine spannende Zeit, die Jugendlichen zu begleiten. Ich hab dabei auch sehr viel über mich selbst erfahren. Und nun entsteht also ein Roman daraus.

Wir bedanken uns bei Herrn Gemmel, der sich viel Zeit für uns genommen hat und zu dem Interview bereit war. Sophie B., Justin K., Monique B.und Carina H. (Klasse 8a der Friedrich-Spee-Realschule Plus Neumagen-Dhron)

Am 5. Februar 2016 ist dieser Artikel im Trierischen Volksfreund erschienen.

Stefan Gemmel Artikel (Medium)

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